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DBSH: Inakzeptable Bedingungen in Unterkünften für Geflüchtete

Die Bundesregierung hat weitere Lockerungen beschlossen, doch die Abstands- und Hygieneregeln bleiben vorerst bestehen. Dabei sind diese in Unterkünften für geflüchtete Menschen gar nicht einzuhalten. Dies bestätigen nun auch Ergebnisse einer Online-Umfrage, die der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) mit Fachkräften aus der Flüchtlingshilfe durchgeführt hat.

Der Fachbereich 'Migration und Flucht' des DBSH hat in den vergangenen Tagen Sozialarbeiter*innen, die in Sammelunterkünften für Geflüchtete arbeiten, befragt, welche Bedingungen sie und die Bewohner*innen derzeit vorfinden. Gefragt wurde sowohl nach den allgemeinen Bedingungen in den Unterkünften als auch nach konkreten Schutzmöglichkeiten für Mitarbeiter*innen. Insgesamt nahmen 214 Fachkräfte teil. Repräsentativ sind die Ergebnisse nicht, sie geben dennoch wichtige Hinweise auf die Lage in den Unterkünften. 

Hygieneregeln sind nicht einzuhalten

Mit Blick auf die von den Behörden vorgegebenen Abstands- und Hygieneregeln geben nur 22% der Sozialarbeiter*innen an, dass diese in ihren Unterkünften einzuhalten seien. Durch die zahlreichen Mehrbettzimmer sowie die gemeinsame Nutzung von Bädern und Küchen sei die Vorgabe von 1,5 m Abstand oft nicht einzuhalten. Die Enge der Unterkünfte sorge zudem dafür, dass auch Mitarbeiter*innen sich nicht ausreichend schützen können. Es gibt in der Mehrheit der Einrichtungen nicht die erforderliche Schutzkleidung, Desinfektionsmittel fehlten, z.T. gebe es nicht einmal Seife. Für Bewohner*innen, die aufgrund von Vorerkrankungen besonders gefährdet sind, werden in an den allermeisten Fällen keine besonderen Schutzmaßnahmen getroffen. Nicht einmal in jeder fünften Einrichtung gibt es spezielle Vorkehrungen für die Betroffenen. Vereinzelt wird sogar berichtet, dass Behörden untätig geblieben sind, obwohl sie explizit auf Risikopatient*innen angesprochen worden seien. 

Kinder und Jugendliche, die in den Sammelunterkünften leben, können aus Sicht der Fachkräfte derzeit nicht ausreichend unterstützt werden. Ein geregeltes, den Alltag strukturierendes 'Homeschooling' ist in der Regel nicht möglich. Es mangelt an Computern, zudem können oft keine Rückzugsräume geboten werden, in denen die Kinder und Jugendlichen konzentriert arbeiten können. In mehr als zwei Drittel der Einrichtungen ist zudem aktuell keine Unterstützung bei den Hausaufgaben möglich. Hieran zeigt sich, wie wichtig die Unterstützung freiwilliger Helfer*innen für die Allatgsorganisation in den Unterkünften ist. Doch auch hier erleben die Einrichtungen derzeit gravierende Einschnitte. Fast 80% der Befragten geben an, dass Menschen, die vor der Krise ehrenamtlich geholfen haben, nun nicht mehr erscheinen. Anzunehmen ist, dass sie das erhöhte Infektionsrisiko in den Einrichtungen fürchten - bekanntlich sind viele Engagierte im Rentenalter und somit stärker gefährdet.

Der offensichtlich laxe Umgang mit den Sammelunterkünften könnte zu einem großen Problem werden. Denn die Gefahr, dass nur ein Corona-Fall für eine Kettenreaktion sorgt, von der dann natürlich auch die Miatrbeiter*innen betroffen sein könnten, ist sehr groß. Angesichts der Vorgabe, dass die zuletzt beschlossenen Lockerungen auf regionaler Ebene wieder rückgängig gemacht werden, sobald 50 Personen pro 100.000 Einwohner infiziert sind, wirken die von den Soziarbeiter*innen geschilderten Verhältnisse in den Einrichtungen beängstigend.

Wie zwischenzeitlich bekannt geworden ist, bestätigt sich diese Befürchtung. In einer zentralen Sammelunterkunft für geflüchtete Menschen in Sankt Augustin bei Bonn wurden nach Angaben des Kölner Stadt-Anzeigers ca. 100 Bewohner*innen positiv auf das Coronavirus getestet.

Homeoffice entlastet Mitarbeiter*innen, doch hilft es den Bewohner*innen?

Als Gewerkschaft richet der DBSH seinen Blick auch speziell auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. 70 % von ihnen geben an, dass sie die wesentlichen Beratungs- und Betreuungsaufgaben weiterhin wahrnehmen können. Hierbei rücken die zuvor relevanten Themen allerdings etwas in den Hintergrund. Oftmals verlagere sich der Fokus der Arbeit auf die Einhaltung der Hygieneregeln. Immerhin dürfen viele Mitarbeiter*innen von zu Hause aus arbeiten, auch wenn fraglich ist, inwieweit die zusätzliche Entpersonalisierung den Bewohner*innen in ihrer ohnehin von starker Benachteiligung geprägten Lebenslage hilft. Doch solange sich Mitarbeiter*innen nicht ausreichend geschützt fühlen, ist die Situation dilemmatisch.

Wesentlich ist auch das Ergebnis, dass sich in ca. einem Viertel der Einrichtungen der Krankenstand spürbar erhöht hat, seit Corona in der Welt ist. Während nicht genauer zu klären ist, was die Gründe hierfür sind, liegt auf der Hand, dass sich die Lage für Fachkräfte und Bewohner*innen nicht verbessern wird. Daher stellt der DBSH sehr konkrete Forderungen auf, was zu tun ist: Neben angemessenen Maßnahmen zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse steht auch eine realistische Aufgabenverteilung im Fokus, damit es nicht zu einer Überforderung der ohnehin stark belasteten Mitarbeiter*innen kommt. 

Noch dringender erscheint aus ethischer Perspektive, dass Kindern und Jugendlichen der Zugang zu schulischen Angeboten ermöglicht wird. Denn während Kinder aus 'regulären' Haushalten in aller Regel die Möglichkeit haben, am Homeschooling teilnzunehmen, verlieren die oft ohnehin stigmatisierten Kinder aus den Sammelunterkünften den Anschluss an ihre Mitschüler*innen. Das zieht nicht nur auf individueller Ebene schwere Folgen nach sich. Auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive ist zu befürchten, dass sich die Ungleichheit der Lebensverhältnisse durch die Krise weiter verschärft.

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